Plattdeutsch ist Heimat und die Sprache der Kinder

Im Oktober fand wieder der alljährliche Plattdeutsch-Abend im Seniorenheim Hehn statt. Helmut Lenzen hatte wieder plattdeutsche Lieder von "Hotte und Bernd" mitgebracht und die Gäste aus Nah und Fern versuchten fleißig mitzusingen.

Platt "kallen" ist wieder angesagt: Ein ganzes Bundesland koketiert damit, im Rhein-Kreis Neuss gibt es ein Mundart-Archiv, und der Landschaftsverband Rheinland dokumentiert Dialekte in einem "Rheinischen Mitmachwörterbuch". Es ist noch gar nicht lange her, da war es unfein, Platt zu sprechen. Platt war die Sprache der Arbeiter und Ungebildeten. Diese Einstellung hat sich grundlegend geändert. Mundart steht heute für Heimat, gilt als Sprache der Kindheit.
"Früher haben alle Platt gesprochen. Platt erinnert mich an meine Kindheit", bestätigt denn auch Elisabeth Frentzen (83). Regelmäßig nimmt sie an den Plattdeutsch-Abenden teil, die der Verein Talk-About-Us (TAU) zweimal im Jahr in Hehn ausrichtet. Rund 40 Personen sind in das Seniorenheim St. Maria gekommen: Längst nicht alle wohnen dort, viele kommen aus dem Ort oder den Nachbardörfern. Die Initiatoren, Helmut Lenzen und Klaus Cörstges, freuen sich über die große Resonanz. Die Gäste begrüßen sie auf Platt, versteht sich.
Gleich zu Beginn verteilt Lenzen Liederzettel und spielt Mundart-Lieder von "Hotte und Bernt" vor. Die Besucher singen aber nur zögerlich mit.
"Lesen ist viel schwieriger als zuhören oder sprechen", weiß Cörstges. "Zumal jeder Mundart-Autor anders schreibt." Eine einheitliche Schreibweise für Platt gibt es nicht. Mehr noch: Selbst in Mönchengladbach existiert kein einheitlicher Dialekt, in den Stadtteilen wird leicht unterschiedlich Platt gesprochen. Die Geschichten, die Cörstges dann aus einem Buch vorliest, sorgen für Heiterkeit. Zumest geht es aus Anekdoten aus dem Alltag oder um Missgeschicke - um das Gebiss der Oma oder um das Fensterln, das ein junger Gladbacher aus Bayern mit an den Niederrhein brachte.
Cörstges ist auf Trödelmärkten unterwegs, um gezielt nach Mundart-Literatur zu suchen. Lenzen wiederum schreibt selber "Stöckskes", Gedichte und Geschichten auf Platt, die er den Besuchern vorträgt. "Kütt nix vun üch?", fragt er schließlich in die Runde. Doch - einige Besucher haben Mundart-Bücher mitgebracht und lesen daraus vor. "Der Plattdeutsch-Abend steht auch jüngeren Gladbachern offen", betont Cörstges. Mundart habe aber kaum einen Stellenwert in den Schulen, bedauert er: "Es hängt viel vom Interesse der Lehrer ab." Elisabeth Wennmacher (74) bringt ihren Enkelkindern selber Platt bei. "Das klappt schon ganz gut", erzählt sie. Mundart steht eben immer noch für Kindheit, bedeutet Identität mit der Heimat. Plattdeutsche Abende halten die Sprache lebendig. Denn Platt ist mittlerweile ein Kultur gut.

Text: Marion Lisken-Pruss (Rheinische Post)

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