Hehn wird Pfarre, Pfarrer Benedikt Berchem (1858-1873)

Die Vorgeschichte

Seit dem Mittelalter gehörte Hehn zur Gladbacher Pfarre, deren Anfängemehr als zwölfhundert Jahre bis in die karolingische Zeit zurückreichen.Sie umfasste ein ausgedehntes Gebiet, zu dem das Territorium der späteren Stadt Mönchengladbach im Herzogtum Jülich und vermutlich auch ursprünglich Rheydt gehörte. Sie war ab der Wende vom 10. auf das 11. Jahrhundert Bestandteil des Erzbistums Köln und grenzte an das Bistum Lüttich, zu dem es auch einmal gehört hatte und bei dem die heutigen Mönchengladbacher Stadtteile Wickrath und Rheindahlen mit Wolfsittard verblieben waren.Die letztgenannte Gemarkung wurde 1853 dem Rektorat und fünf Jahre später der neuen Pfarre Hehn zugesprochen. Zu Anfang des 13. Jahrhunderts wird das Dorf Hehn zum ersten Mal urkundlich erwähnt und zwar im Zusammenhang mit dem sogenannten Kammerforst, einem großen Waldgebiet im Besitz der Abtei Gladbach, an dessen Rand die Hehner lebten,in dem sie Holz sammeln und Bauholz zum eigenen Bedarf schlagen durften.

Hehn gegen die französische Verwaltung

In der französischen Zeit wurde die Gladbacher Pfarre 1803 erstmals durch die Gründung der Pfarre Neuwerk verkleinert.Außerdem hatte die nordwestlich der Stadt gelegene Ortschaft Hardt seit dem Mittelalter eine eigene Entwicklung genommen und sich nach und nach zu einer eigenen kirchlichen Einheit entwickelt. Aber gänzlich waren die Bande zur Mutterpfarre nie getrennt worden: Ab Anfang des 17. Jahrhunderts hatten die  Gladbacher Benediktiner dort die Pfarrseelsorge übernommen. Unter Napoleon wurde die alte Erzdiözese Köln zerschlagen und 1802 das erste Bistum Aachen mit Bischof Marc Antoine Berdolet (1740-1809) an der Spitze geschaffen (Bild).
Zu dieser die vier rheinischen Departements umfassenden Diözese mit einem Gebiet, das links des Rheins von Kranenburg im Kreis Kleve bis nach Sobernheim im Kreis Kreuznach reichte, zählte ebenfalls Gladbach, das damals zur Unterscheidung von anderen Orten gleichen Namens auch als München-Gladbach und gelegentlich als Mönchengladbach in den Quellen erscheint. In der französischen Zeit wurden die Pfarrgebiete neu zugeschnitten.1803 wurde Hardt definitiv von der Pfarre Gladbach getrennt und selbstständige Hilfspfarre. Dieser wurde 1806 Hehn zugeteilt. Das führte bei der Hehner Bevölkerung zu erheblichem Unwillen.Die Wut, anders kann man es nicht nennen, richtete sich besonders gegenden neuen Hardter Pfarrer, den ehemaligen Franziskaner Heinrich Josef Braun (1741-1831), den man für einen Elsässer hielt, da er französisch predigte. Er stammte aber aus Aachen. Er hatte mit Bischof Berdolet 1794 zusammen in Gefangenschaft gesessen und auf die Hinrichtung gewartet.Dazu war es aber nicht mehr gekommen. Aus diesem gemeinsamen Schicksal hatte sich zwischen den beiden eine Freundschaft entwickelt. Mit dem Bischof teilte Braun die Begeisterung für Napoleon.Mit den Hehnern hatte es Pfarrer Braun besonders schwer. Sie griffen ihn tätlich an, würgten ihn und zerrissen sein Habit, wie er nach Aachen berichtete.Gottesdienste wurden gestört, und einmal soll während eines Tumults ein Kirchenbesucher beinahe zu Tode gekommen sein. Ihrem Unwillen machten die Hehner auch dadurch Luft, dass sie eine Bittschrift nach Paris schickten, die von 79 Personen unterschrieben worden war, in der sie um die Entlassung aus der Pfarre Hardt ersuchten.Auch an Bischof Berdolet hatten sie geschrieben und mit fast „kindlichem Vertrauen“ auf einen zustimmenden Bescheid gehofft, wieder der Mutterpfarre Gladbach einverleibt zu werden. Dort fühlten sie sich zu Hause, so schrieben sie. Von Kindheit an seien sie gewohnt gewesen, „zu Gladbach Gott anzubeten“.Außerdem wollten sie wie ihre Vorfahren auf dem Gladbacher Friedhof begraben werden. Obendrein sei die Kirche zu Hardt zu klein und baufällig; womit sie Recht hatten. Den weiten Weg nach Gladbach scheuten sie nicht, so meinten sie. Hauptsache, wenn sie wieder nach Gladbach zurückkämen.Oh Wunder, die Entscheidung wurde rückgängig gemacht.

Ein Bärendienst?

Ob die Hehner sich mit der Rückkehr zur Pfarre Gladbach nicht einen Bärendienst erwiesen hatten und die Abneigung gegen Braun ihnen nicht den Blick verstellte, darf gefragt werden. Denn bis zur Kirche am Gladbacher Markt brauchte ein geübter Fußgänger mindestens eine Stunde, während er nach Hardt nur etwa die Hälfte benötigte.Jedenfalls wandten sich 1825 die Besitzer der acht größten Bauernhöfe Hehns als Sprecher der Ortschaft an den Gladbacher Pfarrer Albert Bischoff (1789-1846), er solle ihnen ein „Katechesierhaus“, also ein Gebäude für die religiöse Unterweisung einrichten. Im 18. Jahrhundert waren Gladbacher Benediktiner im Sommer nach dort gekommen, um die Jugend unter Buchen zu unterrichten. Da schien es schon Fortschritt, wenn man ein festes Haus hätte, um nicht von der Witterung abhängig zu sein. Aber eigentlich wollten die Hehner mehr und sprachen auch von einem „öffentlichen Bethaus“. Das könne ferner von den Pilgern, die zur Muttergottes zu Heiligenpesch kämen, genutzt werden. Jetzt müssten sie sich unter den Bäumen versammeln.Am besten wäre eine „öffentliche Kapelle mit Seelsorgerstelle“. Das hieß nichts anderes, als sich eine eigene Pfarre zu wünschen. Wie sie aussehen könne, wurde ebenfalls umschrieben: Man könne Wolfsittard, Herdt und Beltinghoven dazunehmen. Da käme man auf knapp 1.000 Seelen. Um die Sache schmackhaft zu machen, boten die Hehner 2.600 Taler Zuschuss an nebst der Bereitschaft, selbst beim Bau mitzuhelfen und Pferde sowie Fuhrwerke zu stellen.

Oberpfarrer Bischoff ist dagegen

Der Gladbacher Oberpfarrer Bischoff war alles andere als begeistert. Schon vor dem Schreiben der Hehner an ihn hatte er der Diözesanverwaltung in Köln berichtet, in Hehn gäbe es den sogenannten „heiligen Pesch“, zu dem Pilger aus der Nachbarschaft kämen. Hier sei 1765 eine hölzerne Kapelle neben einem Buchenhain erbaut worden. „Von geheilten Wunden“ hingen Verbände an den Wänden und das Wasser aus dem Graben nähme man „gegen allerlei Gebrechen“.Bischoff, der zur „jungkirchlichen Bewegung“ gehörte und Wunderheilungen für Aberglauben und eine Gefährdung des wahren Glaubens hielt, war nicht bereit, dort eine Seelsorgestation zu errichten, weil sie den Pilgern zugute käme, die hier seiner Meinung nach Scheinwunder erwarteten. Dieses Übel wollte er ausrotten.Der Kölner Erzbischof Ferdinand August von Spiegel (1764-1835) war nicht gar so rigoros. Über eine Seelsorgestation könne man schon nachdenken.Aber sie solle nicht in der Nähe der Hehner Kapelle liegen. Später teilte der Erzbischof Bischoff noch mit, er habe den Hehnern seine Ablehnung erklärt. Wichtiger sei, die dort seit den 20er Jahren des 19. Jahrhunderts bestehende Schule auszubauen.Im Übrigen hielt er die Hehner für „einfältige“ Gemüter. Aber damit hatte er sich getäuscht.Sie verfolgten den Wunsch nach einer eigenen Seelsorgestation konsequent weiter. Das blieb nicht ohne Wirkung.
In Köln dachte man ab 1827 nach, ob man nicht eine Filialkirche in Hehn errichten solle und wandte sich an die preußische Verwaltung, die Regierung in Düsseldorf mit der Frage, was sie dazu meine. Bischoff warnte erneut: Man dürfe die neue Kirche, sollte sie denn entstehen, nicht in der Nähe des Muttergotteskapellchens errichten und auch nicht der Muttergottes weihen.


(Bild: Die Pfarre Hehn und ihre Grenzen ( P. Norrenberg, Geschichte des Dekanates Mönchengladbach, 1889))

Auch der Rheindahlener Oberpfarrer Anton Pütz (1769-1829) schaltete sich ein. Er sagte zwar nichts zum Standort der neuen Kirche, wandte sich aber gegen eine Abtrennung der Ortschaften Herdt und Wolfsittard, die eventuell Hehn zugeschlagen würden. Dort wohnten nur arme Leute, mit denen man die neue Pfarre nicht belasten solle. Ferner seien die Hehner nach Sprache und Gebräuchen andere Menschen als die in den genannten Ortschaften. Die wollten gar nicht nach Hehn. Ob er sie gefragt hat, steht dahin.Die Wolfsittarder haben jedenfalls ein Vierteljahrhundert später eifrig für die neue Kirche gespendet. Da kann es mit der gegenseitigen Abneigung nicht so schlimm gewesen sein. Der eigentliche Grund war, dass Pütz nichts von dem historisch gewachsenen Rheindahlener Pfarrgebiet abtreten wollte. Auch das von dem für das Dekanat Gladbach zuständigen Dechanten Engelbert Winzen (1779-1850) wiederholte Argument von der gegenseitigen Abneigung der Hehner und Rheindahlener war weit hergeholt.Aber er hatte nichts gegen eine Pfarre für die Hehner allein. Damit war die Regierung in Düsseldorf nicht einverstanden und machte 1828 den Vorschlag, Hehn der Pfarre Hardt zuzusprechen. Dass dieses Experiment zur französischen Zeit gescheitert war, spielte wohl keine Rolle mehr.Dann geschah nichts mehr. Erst ein Vierteljahrhundert später wurde der Wunsch der Hehner wieder aufgegriffen.

Die Hehner schaffen vollendete Tatsachen

In dem 1846 in ungewöhnlich jungen Jahren nach Gladbach berufenenPfarrer und ab 1854 Dechanten Alexander Halm (1813-1881) fanden die Hehner einen tatkräftigen Förderer ihres Projekts. Freilich störte ihn, dass die Hehner ohne jede Genehmigung und ohne sein Wissen einfach 1851 mit dem Bau einer Kirche begonnen und dafür schon eine Baugrube ausgehoben hatten. Es gab sogar ein paar Bauzeichnungen, die sich nach Vorbildern von Kirchen in Lüttelforst (Gemeinde Schwalmtal/Kreis Viersen) aus dem Jahr 1805 und Wildenrath (Stadt Wegberg/Kreis Heinsberg) aus dem Jahr 1850 richteten.Um Schlimmeres zu verhüten, beauftragte Halm den ihm bekannten Kölner Kirchenbaumeister Vincenz Statz (1819-1898), der sich gerade in Hardtaufhielt, um dort einen Vorschlag für einen Kirchenbau zu machen, einmal in Hehn vorbeizusehen und für dort einen Bauplan zu entwerfen. Noch bevor Statz damit fertig war, legte Halm schon am 5. Juli 1851 den Grundstein.Einen Monat später war Statz soweit. Die Baukosten sollten sich auf 2.600 Taler belaufen. Das war ein günstiges Angebot. Statz setzte dabei voraus, dass die Hehner 75.000 Ziegel, sämtliches Holz und den nötigen Sand auf ihre Kosten beschaffen und die Mauern selbst hochziehen würden.Die Bauausführung durch die Hehner entsprach nicht den Vorstellungen Halms, der ihnen vorwarf, „liederlich“ zu arbeiten. Er befürchtete, die Kirche könnte einstürzen. Seine Ermahnung half. Es wurde sorgfältiger gebaut.Halm und Statz waren zufrieden.Im Dezember 1851 entwarf der Architekt schon einmal einen Altar für die Kirche, die Anfang April 1853 vor der Vollendung stand. Mit den Maurerarbeiten an den Kreuzrippengewölben betraute man einen Maurermeister aus Vallendar am Rhein (Kreis Mayen-Koblenz), da man dazu einen Fachmann brauchte. Ohne die Nachsicht des großzügigen Oberpfarrers Halm hätte die Hehner Eile üble Folgen gehabt. Er hatte die Probleme für die Seelsorge erkannt, die mit der Größe seiner Pfarre verbunden waren. Deshalb unterstützte er die Hehner Initiative. 1863 wurde er nach Köln in das Domkapitel und zum Dompfarrer berufen.

Ansicht der Stadt Mönchengladbach von Süden, Ölskizze von J.G. Pulian um 1856, in der Mitte die Hauptpfarrkirche

 

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