Die Sommerwirtschaft "Zur Rennbahn"

Eine heimatgeschichtliche Erzählung von Johann Paasen

Quelle: Abdruck mit freundlicher Genehmigung des "Rheindahlen Almanach '96"

Rennbahnweg heißt heute eine kleine Wohnstraße in Heiligenpesch-Hehn, über Heiligenpesch oder Wolfsittard erreichbar und beidseitig nach wenig mehr als hundert Metern begrenzt: das östliche Ende mündet in die Landwehr Richtung Hardter Wald, westlich geht der Rennbahnweg am Ende des Friedhofes Hehn in einen Feldweg über, der am Zaun des Militätrgeländes endet. Auf einem Stadtplan kann man erkennen, daß die Straße Rennbahnweg ein Stück ehemalige Landwehr ist, die aus dem Hardter Wald kommend quer durch das heutige Militärgelände führte, die Landstraße nach Rheindahlen in Höhe des heutigen Pfingsgraben kreuzte und vom Pfingsgraben, gleichfalls ehemalige Landwehr, an den noch heute sichtbaren Teil der südlichen Landwehr anschloß.
In der Zeit, in die uns Johann Paasens "Erinnerung an unsere alte Heimat Hehn" führt, war die heute durch das Militärgelände unterbrochene, Jahrhunderte alte Verbindung, die hoffentlich als Landwehr wiederhergestellt wird, noch vorhanden.
Johann Paasen zeichnete die folgenden "Erinnerungen" an das elterliche Ausflugslokal "Rennbahn" als 83-jähriger im Jahre 1987 in Köln auf. Paasens Aufzeichnungen und Bilder gelangten zum Stadtarchiv Mönchengladbach, das sie dankenswerterweise dem ALMANACH zur Verfügung stellt.)

Rennbahnweg, Verbindung zwischen Aachner Straße und Heiligenpesch. Am Anfang des mit Asche befestigten Weges ein großes Schild: "Restauration zur Rennbahn, fünf Minuten". Besitzer dieses Ausflugslokales war mein Vater Wilhelm Paasen.
Wilhelm Paasen war 1865 auf dem elterlichen Carmannshof in Waldhausen geboren. 1869 erwarben seine Eltern, Peter Johann Paasen und seine Frau Katharina, geb. Ingmanns den heutigen Hersehof in Hehn. Zu der Familie gehörten neben den Genannten noch der ledige Mathias Paasen sowie die ledige Agatha Paasen.

Nach dem Tod der Eheleute und Agatha Paasen hatte Mathias Paasen, genannt "Baase Mattes" die Idee, einen Vergnügungspark zu errichten. Dafür erwarb er vor 1885 ein Gelände von etwa 75 Morgen Land zwischen Wolfsittard und Aachener Straße, auf dem ab 1886 die umfangreichen Bauarbeiten für die Verwirklichung dieser Idee begannen. Die Bauzeit für Park und Gebäude betrug fünf Jahre. Alle Erdarbeiten wurden meistens im Winter mit eigenen Leuten ausgeführt, wobei selbst der alte Schäfer Bongarz, genannt "de Schepper", noch fleißig mithalf.
Das gesamte Gelände wurde zunächst durch einen Graben und einen Wall ähnlich der vorbeiführenden Landwehr umgeben und mit einem Stacheldrahtzaun gesichert. Auf der Wallkrone wurde Heidekraut angepflanzt, um die Einsicht in den Park zusätzlich zu erschweren. Gleichen Effekt hatten auch die hunderte von Birkenbäumchen, die rings um das ganze Gelände gepflanzt wurden.
Durch zwei große Tore mit kleinen Durchlässen konnte man das Gelände betreten. Der von Tor zu Tor führende, breite Fahrweg war mit Fichten und amerikanischen Eichen eingefaßt. Über ihn gelangte man zu dem weiten Oval einer Galopprennbahn, die gleichfalls mit Bäumen und Sträuchern gesäumt war. Die Hindernisse in der Reitbahn bestanden aus etwa ein Meter hohen Ginsterhecken.
Nachdem diese Anlage fertiggestellt war, begann die Ausgrabung eines zwei Morgen großen Weihers. Auch dieser war bald fertig und wurde mit dichtem Akaziengehölz eingefaßt. In der Mitte des Weihers gab es eine ovale Insel, auf der Eichen und Rhododendren angepflanzt wurden. Ein Spazierweg führte über eine Brücke mit mehreren Pfeilern auf die Insel. Dieser mit Kies befestigte Spazierweg zog sich schlängelnd durch den gesamten Park. Den dafür benötigten Kies gewann man in einer innerhalb des Parkes eigens dafür angelegten Kiesgrube.

 

Entlang der seitlichen Begrenzung des Parkes entstand ein Scheibenschießstand mit Ausschank. Auf diesem Schießstand konnte aus drei Entfernungen auf Zielscheiben geschossen werden oder auch auf einen künstlichen Hasen, der auf einer Schiene hin- und hergezogen werden konnte. Die Treffer - Ableser waren durch Mauern vor Verletzungen geschützt. Die St. Michaels-Bruderschaft Hehn benutzte diesen Schießstand regelmäßig und schoß hier in jenen Jahren mehrfach den Kirmesvogel ab.

Auch ein Fußballplatz wurde angelegt, den der Sportverein Hehn nutzte und 1911 durch eine Umkleidebude modernisierte.
Während noch an den Parkanlagen gebaut wurde, entstanden gleichzeitig die umfangreichen Gebäude in der Mitte des Parkes.
Um einen rechteckigen Hof herum lagen Pferde-, Schweine-, Kuh- und Hühnerställe. Daran schlossen sich Kohlenstall und Waschküche an. Dem vorgebaut war "et Hüske" mit Herz, Jauchekeller und Jauchepumpe. Danach schlossen sich die Kammern für einen Knecht und zwei Mägde an. Neben diesen lag das eigentliche Wohnhaus mit Elternschlafzimmer, Kinderzimmer und Wohnzimmer. Daneben wiederum schloß sich die große Wohn- und Wirtschaftsküche mit der Durchreiche zur Theke in der Wirtsstube an. Außen war an dieser Stelle das Backhaus angebaut mit dem Backofen, der mit ”Schanzen” (Reisigbündeln) geheizt wurde. Jeden Freitag wurden zehn bis zwölf Weißbrote gebacken. Neben dem Backhaus, gleichfalls angebaut, gab es den Hundezwinger für eine gelbe deutsche Dogge, die nachts für Sicherheit sorgte.
Die Wirtsstube hatte etwa 50 Sitzplätze. In ihrer Mitte stand ein übergroßer Mantelofen, auf dem man im Winter sein Bier anwärmen konnte. An einer Wand der Wirtsstube stand eine Orgel, die für zehn Pfennig eine ein Meter große, runde Blechplatte abspielte. An der gegenüberliegenden Wand hingen ein paar Bilder sowie einige Urkunden für hervorragende Leistungen auf dem Gebiete der Schweinezucht.
Neben der Wirtschaft entstand eine offene Halle von der Größe eines Doppelzeltes mit einer zwanzig Meter langen Theke, einem Stollwerk Automaten, einer Personenwage und einer Glucke, die Blecheier legte und dazu gackerte. Auch in diese Automaten mußten jeweils zehn Pfennig eingeworfen werden.
Die Halle war zum Weiher hin offen. Daher konnten die Bauernburschen beispielsweise am Fastnachtsmontag mit ihren Pferden bis an die Theke heranreiten. Hier tranken sie ihr Bier, während ihre Pferde bunte Bändchen in die Mähnen geflochten bekamen.
Etwa fünfzig Meter von der offenen Halle entfernt lag der Weiher mit seinen vierzehn Kähnen. Zwölf von ihnen waren dreisitzig, zwei hatten Platz für sieben Personen. Die Benutzung der kleinen Kähne kostete dreißig Pfennig je Viertelstunde, die der großen fünfzig Pfennig. Direkt am Weiher stand ein Ruderhäuschen, in dem sich auch die Kasse befand. Neben dem Weiher, der eher etwas für die Älteren war, gab es natürlich auch eine Kinderbelustigung. Sie bestand aus einer viersitzigen Schaukel, einem Karusell mit Bänken und einer Wippe.

 

Alle Bauten mit Ausnahme der Küche waren aus Holz, wobei die Wohnräume innen mit Schwemmstein verkleidet waren. Die Küche baute der Hehner Maurermeister Röhrhoff aus Ziegelsteinen. Das vierhundert Quadratmeter große Flachdach wurde von dem Dachdecker Lorenz Wilms aus Poeth gebaut und lange Jahre betreut.

Die Beleuchtung der Räume bestand aus großen, zwei Liter fassenden Petroleumlampen.
Weiher und Wirtschaft erhielten eine eigene Wasserversorgung. Mitten auf dem Gelände wurde ein Brunnen gebort, an den drei Pumpen angeschlossen waren. Über dem Brunnenschacht wurde auf vier Pfosten ein Windmotor mit sechs Flügeln errichtet, mit dessen Hilfe das Wasser aus der Tiefe hochgepumpt wurde. Bei Windstille sorgte eine Dampfmaschine mit aufrecht stehendem Dampfkessel für die nötige Energie.
Das Wasser wurde zunächst in einen erhöhten Behälter gepumpt. Von diesem Behälter wurde ein Teil des Wassers durch eine offene Rinne, die mit Dachpappe ausgeschlagen war, in den Weiher geleitet.
Für die Hausversorgung gab es einen Wassertank auf zwei Rädern, der frisch gefüllt von einem Pony hinüber zum Hof gezogen wurde. Über einen blank geputzten, großen Messinghahn konnte das Frischwasser dann am Haus aus dem Tank entnommen werden.

Das Pony mußte nicht nur den Wassertank ziehen. Für Personen- und kleinere Gütertransporte gab es eine zweirädrige Kutsche, der das Pony vorgespannt wurde, und für zehn Pfennig konnte jedermann auf diesem Pony auch eine Runde reiten.
Neben dem Pumpenhaus gab es einen offenen Kuhstall, in dem die Viehhändler Süßkind und Cahn ihr Vieh unterstellten, das sie sommers über dem Gasthof Rennbahn in Pension gaben.

 

Etwa fünfzig Schritt vom Hauptkomplex entfernt stand ein Doppelhaus aus Klinkern. Die rechte Hälfte bewohnte die Familie Josef Pappers. Als Nebenberuf bediente Josef Pappers das Kassenhäuschen am Weiher. Im linken Teil des Hauses wohnte Leonhard Fliege, der als Kellner Nr. Zwei tätig war. Seine Frau betrieb eine Hühnerfarm. Die kleine, mit Petroleum beheizte Brutmaschine befand sich im Schlafzimmer der Eheleute Fliege.
Kutscher Jupp hielt die Pferde und die vier Wagen der Wirtschaft immer blitzblank geputzt. Die Wagen standen in einer Remise auf dem Schulhof der ”Aapeschöll”. Letztere war eine alte Schule mit nur einer Klasse. Hier unterrichtete Fräulein Heck die vierte Klasse der Schule Hehn.
Kellner Nr. Eins war der große, kräftige Heinrich Dickmann. Er war wochentags Schreiner in der Dampfschreinerei Johann Schmitter.
An Oster- und Pfingsttagen mußten bis zu zehn weitere Kellner beschäftigt werden.
Außer den Kellnern waren an den Wochenenden eine Reihe Helfer im Ausflugslokal beschäftigt:
Peter Köntgens hatte die Aufgabe, die leeren Biergläser in einem Drahtkorb einzusammeln und in die Spülküche zu bringen. Dort wurden sie von Jakobs Maria aus Dorthausen und Knorr Agnes aus Myhl in Sodawasser gespült. Bender Pitterke, ein schlanker, strammer Mann mit Schnurrbart, stand in der Wirtsstube am Zapfhahn. Ohne den Hahn zu schließen und ohne zu ”schlabbern” ließ er die sich füllenden Gläser unter dem Hahn pausenlos von der linken über die rechte Hand gleiten, bis sie mit schönem Feldwebel aufs Tablett wanderten. Neben ihm stand Giesen Maria, die spätere Frau Köntgens, an den Biermarken. Sie konnte sehr gut und schnell rechnen, konnte es aber dennoch nicht immer verhindern, daß auch falsche Biermarken eingewechselt wurden. Und, wie schon gesagt, am Weiher saßen Kassierer Pappers und sein Helfer Wirts Konrad. Sie alle mußten bezahlt werden, worum sich meine Mutter kümmerte.
Wochentags brauchten wir kein fremdes Personal.

Die Brauerei Hugo Hamsen aus Korschenbroich lieferte ihr Alt und Bayerisch in 100 Anker Fässern (altes Hohlmaß: 1 Anker = ½ Eimer) auf der langen Karre. Ein 4/20 Glas Bier kostete 10 Pfennig. Die Limonadenfabrik Wilhelm Jansen, Gasthausstraße, lieferte Selterswasser sowie Himbeer- und Zitronenlimonade in Knickerflaschen à 10 Pfennig.
Appelröschen mit Drehkorken kostete 15 Pfennig. Theodor Waden lieferte wochentags fünf Liter, sonntags zwanzig Liter Frischmilch. Ein Glas Milch (Viertelliter) wurde für 10 Pfennig verkauft. Zigarren kosteten fünf Pfennig, andere "zwei zu fünfzehn", die auch als "drei zu zwanzig" verkauft wurden. Eine "Burnus" Zigarette kostete einen Pfennig, "Konstantin Nr. 23" zweieinhalb Pfennig, "Revue" fünf Pfennig.
Weißen Korn gab es nicht. Alter Korn, Vanille-, Pfefferminz- und Anisettelikör kamen von der Firma Zenzes und Schagen aus Rheindahlen.
Nachmittags gab es Kaffeee und Kuchen auf sächsischem Porzellan. Die Kaffeebohnen wurden immer frisch gemahlen. Dazu gab es selbstgebackenes Weißbrot mit Apfelkraut aus der Krautfabrik (Kruutpasch) Franz Engelen.
Wein war wenig gefragt. Nur Johann Loers aus Engelsholt, stets mit langen, blankgewichsten Stiefeln, trank schon mal eine Flasche Rüdesheimer oder Heddesheimer.
Meist war um neun Uhr Feierabend. Sollte ein Pärchen im Halbdunkel sitzen bleiben, stellte unser Vater ihnen eine Stehlampe auf den Tisch - und fünf Minuten später war das Pärchen verschwunden.
Johann Paasen wurde 1904 auf diesem Anwesen geboren, das westlich an die Erziehungsanstalt Rheindahlen und südlich an die Holter Heide stieß. Einige Ereignisse aus seiner Kindheit "auf der Rennbahn" blieben Johann Paasen besonders in Erinnerung.
Im heißen Sommer des Jahres 1911 gab es ein historisches Ereignis in unmittelbarer Nachbarschaft zur "Rennbahn": den ersten Flugtag in M. Gladbach auf der Holter Heide. Der bekannte Fabrikant Emil Brandts hatte mit seinem Ingenieur Mirbach und dessen Gehilfen Eilert eine Flugmaschine gebaut. Es war ein Doppeldecker für zwei Personen. Der Propeller lag hinten. Um ihn anzuwerfen, mußte man unter dem Schwanz des Flugzeuges an den Propeller herankriechen. Vor dem Motor befand sich die offene Kabine mit Gashebeln und Steuerknüppel für den Piloten. Davor gab es eine weitere, ebenfalls offene Kabine für einen Fluggast. Für 50 Mark war der Landwirt, Holzschuhmacher und spätere Kaufmann Lorenz Bister der erste Fluggast an diesem Tag ... und auch der einzige. Kaum hatte sich nämlich die Maschine etwas vom Boden gehoben, da sackte sie plötzlich aus etwa drei Meter Höhe ab, setzte hart auf dem Boden auf und blieb mit eingeknickten Speichen liegen.
Als zusätzliche Attraktion für diesen ersten Flugtag war eine Flugvorführung eines Flugzeuges aus Köln vorgesehen. Es handelte sich dabei um eine sogenannte ”Rumpler Taube”. Sie wurde mit der Eisenbahn von Köln herbeitransportiert, mit einem Pferdefuhrwerk vom Speiker Bahnhof abgeholt und dann am Flugplatz zusammengesetzt. Am Steuerknüppel saß Bruno Werntgen, der später verunglückte. An diesem Flugtag stieg er zunächst dreimal auf und drehte seine Kreise. Beim dritten Mal mußte er jedoch notlanden. Es gelang ihm noch gerade, den Kiefern am Rande des Flugfeldes auszuweichen, um auf dem Gelände der Erziehungsanstalt Rheindahlen zu landen. Die Zöglinge der Anstalt zogen das Flugzeug auf ein Stoppelfeld, und nun startete die Maschine zum vierten Mal.

Mehrmals im Jahr veranstaltete der Trabverein Rheydt, Düsseldorfer Str. 165, auf der Rennbahn seine Trabrennen mit Totalisator.
An Kirmestagen gab es im Park der Wirtschaft Konzerte. Meist spielte die Blaskapelle Hütten aus Genhülsen. Leiter dieser Kapelle war der Straßenmeister Johann Haupts aus Kothausen. Bei Anbruch der Dunkelheit stiegen die Musiker in die Kähne und intonierten das Lied: "Still ruht der See".
An solchen Tagen hatten die "Moppenbuden" ihre Klappen heruntergelasen. Eine Bude gehörte dem Honigkuchenbäcker van der Beek, die andere dem kinderreichen Bäcker Jakob Fischer aus Holt. Zu ihnen gesellte sich noch - allerdings lediglich mit einem Klapptisch - Johann Dießen, der Zigarren und Zigaretten verkaufte. Dießen war schwerbehindert und zwanzig Jahre lang auf Händen und Knien durch die Welt gekrochen, bevor er einen Rollstuhl erhielt.

 

Auch vornehme Gäste besuchten die Wirtschaft "Zur Rennbahn" regelmäßig. Der damalige Landrat hatte eine eigens für ihn reservierte, vergoldete Tasse, in der er seinen Kaffee serviert bekam. Im Landauer, von zwei schönen schwarzen Pferden gezogen, kam Pasort Theodor Joebges vorgefahren. Er trug einen Seidenhut. Stets hatte er Schnupftabaksdose und rot gemustertes Seidentaschentuch zur Hand. 

Im Winter wurde es still auf der Rennbahn. Allerdings gab es bei strengem Frost Eislaufen auf dem Weiher. Zehn Pfennig Eintritt wurden dafür erhoben. Auch Schlittschuhe konnten für zehn Pfennig ausgeliehen werden.
Am blauen Montagmorgen trafen sich immer die gleichen Männer in der Wirtsstube: da kamen Schürings Franz mit Seidenhalstuch und Mistgabel, der Schreiner Schmitter und der Schuster Liesemann mit seinem zusammengeschnürten Schuhbündel. Dazu gesellte sich noch der bärtige Stamme Mattes, der seine Schafe bei den Hunden allein ließ, und sie alle genehmigten sich einen Schnaps zum Aufwärmen.
Am 3. November, auf St. Hubertus, war stets Anfang der Jagdsaison. Der Fabrikant Langerfeld, jetzt Firma Overlack, Aachener Straße, lud seine Freunde zur Treibjagd ein. Die Jagd begann am Klauser Scheibenstand und ging über die Holter Heide bis zum Hehner Feld und zur Rennbahn. Hier war Abschlußessen mit Glühwein. Der Glühwein wurde in einem großen Kupferkessel mit Kandiszucker und Zimtstangen zubereitet.
1912 begann der Niedergang der Rennbahn. Unsere Eltern verkauften 60 Morgen Land an den Nachbarn, die Erziehungsanstalt Rheindahlen. Schon damals waren die Zinsen, die sie jährlich für den Kaufpreis erhielten, höher als die Jahreseinnahmen für den Rummel mit den Rennen. Im gleichen Jahr mußte ein neuer Brunnen gebaut werden. Johann Peter Hurtmanns aus Hehn machte das mit fünf Helfern. Der Brunnen wurde 14 Meter tief und erhielt später noch vier Filter von zweieinhalb Meter Länge. Darüber befand sich das modernisierte Maschinenhaus mit dem erhöhten Wasserbehälter. Für den Antrieb der Pumpe sorgte nun ein "Deutzer" - Benzolmotor. Ins Haus wurde das Wasser nun durch eine Wasserleitung geleitet.
Am Tag vor Christi Himmelfahrt 1912 brannten die Schlafräume und die Stallungen ab. Dabei verbrannten zwei Schweine. Personen kamen jedoch nicht zu Schaden. Die ersten Helfer am Brandherd waren Peter und Josef Mäurer aus Wolfsittard. Unter der umsichtigen Leitung des Inspektors Nehen der Erziehungsanstalt wurden eine "acht-Mann-Pumpe" sowie eine "Eimerkette" eingesetzt und die große Halle und die Küche vor den Flammen bewahrt. Dennoch mußte vieles erneuert werden. Mitten in diesen Erneuerungsarbeiten begann 1914 der Krieg. Zu diesem Zeitpunkt war gerade erst der Keller des neuen Wohnhauses fertiggestellt. Nun aber stockte die gesamte Wirtschaft. Die Lebensmittel wurden knapp und die Ausflugsbesucher am Wochenende blieben aus.. Wir bauten eine Mühle zum Herstellen von Hafergrütze, der sogenannten "Spözupp". Nach einem Jahr jedoch wurde die Mühle von der Polizei stillgelegt. Da wir kein Benzol mehr beschaffen konnten, mußte das Hochpumpen des Wasser aus dem Brunnen in den Tank nun über ein Göpelwerk erfolgen.
In der Erziehungsanstalt war im Verlaufe des Krieges ein Lager für gefangene Russen eingerichtet. Diese Gefangenen schleiften die ”Landwehr” und rodeten die Holter Heide. Aus diesem Grunde gruben sie eine riesige Sickergrube (Schlenkloak) und legten die Holter Heide trocken. Ein Dampfpflug grub anschließend den Boden 60 cm tief um. Michael Loers aus Holt hatte die fachliche Überwachung dieser Arbeiten. Dabei wäre er von einem umstürzenden Baum beinahe erschlagen worden. Verletzt lag er bis zum Eintreffen eines Arztes auf Bettzeug gebettet in unserer Wirtsstube auf dem Fußboden. Er erholte sich aber sehr schnell wieder.
Die Rodungsarbeiten um unser Gelände herum bewirkten, daß unserem Weiher das Wasser entzogen wurde und er langsam austrocknete..
Auch nach dem Krieg konnte unsere "Rennbahn" an frühere Glanzzeiten nicht wieder anknüpfen. Im Gegenteil, es ging immer weiter bergab. Im März 1922 schließlich entschlossen sich unsere Eltern, das gesamte Anwesen zu verkaufen. Der Preis mit allem Inventar betrug fast eine halbe Million Mark. Aber man konnte für das Geld nichts kaufen - und bald kam die Inflation!
Mathias Paasen, Baase Mattes, war bereits 1909 als Junggeselle gestorben und auf dem Hehner Friedhof in der Nähe des Haupteinganges begraben worden. Seine Grabstätte hatte er beim Tausch für ein Grundstück, das der Friedhofserweiterung dienen sollte, erhalten. Baase Mattes hatte der Kirche in Hehn eine im gotischen Stil geschnitzte Wanduhr mit Schlagwerk gestiftet, die jedoch nicht mehr existiert. Die letzten Jahre seines Lebens verbarchte Baase Mattes im Kloster Hehn. Er bewohnte dort zwei Zimmer und wurde von den Schwestern des Ordens der "Armen Dienstmägde Jesu Christi" betreut.
Der Verkauf der "Rennbahn" bedeutete das Ende für dieses einst so beliebte Ausflugslokal, an das heute nur noch das Stückchen Straße in Hehn erinnert. Wir selbst zogen nach M.Gladbach, pachteten den Benderhof und betrieben dort Obst- und Gemüseanbau.

 

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