Die Hehner Grotten

Peter Norrenberg erwähnt in seiner Dekanatsgeschichte, die Grotten seien 1883 angelegt worden. Wo sie genau lagen, sagt er nicht. Vier Jahre später hat der Kölner Erzbischof Krementz in Hehn eine Grotte besucht. Auch hier wissen wir nicht, an welcher Stelle sie stand. Eine weitere Frage bleibt: Was wurde hier zu Zeiten des Kulturkampfs erbaut? Es lässt sich nur erahnen.
Wahrscheinlich war es eine Lourdesgrotte. Dafür gibt es eine Vermutung, für die einiges spricht.

 

Die Lourdesgrotte

1858 hatte die 14-jährige Bernadette Soubirous von der mehrfachen Erscheinung Mariens an der Grotte von Massabielle bei Lourdes an den Füßen der Pyrenäen berichtet. 1862 erkannte der zuständige Bischof die Erscheinungen als authentisch an. Daraufhin entstanden bei der Grotte Kirchen und ein Platz für die zahlreichen Pilger, von denen viele durch das Wasser aus einer Quelle bei der Grotte Heilung ihrer Krankheiten suchten.

Auch in Deutschland wurde der Lourdeskult bekannt. Als 1876 in Marpingen im Saarland Maria drei kleinen Mädchen erschienen sein sollte, hofften vor allem junge Geistliche auf ein „deutsches Lourdes“. Der Wallfahrtsort Lourdes war also auch zu den damaligen Zeiten des Kulturkampfs durchaus im Bewusstsein einiger deutscher Katholiken lebendig. Reisen nach Lourdes waren zwar von den preußischen Behörden nicht untersagt worden, aber unerwünscht. 1875 ging dennoch ein erster Pilgerzug von Aachen aus mit 85 Teilnehmern zum südfranzösischen Wallfahrtsort.
In Aachen wurde auch im gleichen Jahr die erste Lourdesgrotte in Deutschland errichtet. Zu dieser Zeit lebte Pfarrer Bertram in Hehn. Er stammte aus Stolberg bei Aachen und kann sie also gesehen haben. Zeit hatte er wegen seiner Sperrung genug, um einmal nach Aachen zu fahren. Die Vermutung, dass damals in Hehn eine Lourdesmuttergottes aufgestellt worden ist, führt darauf, dass die 1883 errichtete Grotte zweigeteilt war. Oben stand eine Rochusfigur, die ursprünglich einmal über dem Eingang der alten, 1870 abgerissenen Marienkapelle angebracht gewesen war, und unten eine Statue der Unbefleckten Empfängnis. So hatte sich die Erscheinung in Lourdes, als Bernadette Soubirous sie nach ihrem Namen fragte, vorgestellt.
Deshalb darf man annehmen, dass die Auswahl einer Marienfigur, die als Unbefleckte Empfängnis bezeichnet wurde, mindestens auf Lourdes anspielte.
Richtig populär war Lourdes damals noch nicht. Volkstümlich wurde die Wallfahrt erst durch den 1900 gegründeten „Deutschen Lourdesverein“.

Die Grotten heute

Von der Grotte aus dem Jahr 1883 scheint sich nichts erhalten zu haben. Die heutigen Grottenanlagen aus Tuffstein, die 1983 vollständig renoviert worden sind, entstanden 1894/95 unter Pfarrer Jöbges, der sich damit ein Denkmal setzte. Zunächst wurde 1894 die Rochus- und die Lourdesgrotte mit Erlaubnis des Kölner Generalvikars errichtet.
Rochus ist, wie bereits erwähnt, schon früher in Hehn verehrt worden. Der Legende nach war er 1317 zur heiligen Stadt Rom gepilgert, hatte unterwegs Pestkranke gepflegt, sich dabei angesteckt und in einer Hütte im Wald Zuflucht gefunden, als er sich vor den Menschen verbergen musste. Dort wurde er von einem Hund mit Brot versorgt, um nicht zu verhungern.

Rochus war ein Bauernheiliger und Patron der Tiere. Als Pilger passte er zudem gut nach Hehn. Hier konnte er als einer der ihren die Wallfahrer begrüßen, die in Hehn im übertragenen Sinn geistige Speisung erhielten, so wie er einst durch den Hund leibliche Nahrung erhalten hatte. Außerdem stand die Grotte an einer Quelle, deren Wasser als heilkräftig bei Augenleiden galt und „selbst von Andersgläubigen gebraucht“ wurde, wie Pfarrer Jöbges notierte.
Zu Anfang des Jahrhunderts hatte sie schon einmal Oberpfarrer Bischoff abfällig erwähnt. Diese Wasserstelle ist heute zugemauert. Geht man an der links von der Kirche aufgestellten Rochusgrotte vorbei, so kommt man hinter der Sakristei an die Lourdesgrotte, welche die Szene der Erscheinung der Muttergottes in Lourdes nachstellt. Um ihre Authentizität zu erhöhen, sind in sie fünf Steine, die aus der Grotte in Lourdes stammen, eingelassen worden. Hehn blieb in Mönchengladbach nicht ohne „Konkurrenz“: Auch im benachbarten Venn ließ 1894 Pfarrer Ferdinand Mürriger (1834-1896) eine Lourdesgrotte errichten, die eifrig von Pilgern besucht wurde. Weitere standen in Windberg (1898), Rheydt an der Bachstraße (um 1909) und Wickrath (1911). Keine hat sich erhalten. Im Bistum Aachen gibt es heute noch eine weitere 1895 erbaute Lourdesgrotte in Vettweiß-Soller (Kreis Düren).
Im unteren Teil der Lourdesgrotte befindet sich mindestens seit den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts ein Kopie des sogenannten Prager Jesuleins. Das Original dieser etwa 45 cm großen Kind-Jesu-Statue aus dem 16. Jahrhundert steht im Karmeliterkloster in Prag/Tschechien. 1896 wurde in Köln der Karmel zum Prager Jesulein gegründet. Ob hier Zusammenhänge bestehen ist nicht bekannt.
Wie wir wissen, schuf die Figur des hl. Rochus der Gladbacher Dekorationsmaler Fritz Högen (1862-1930) für stattliche 125 Mark, die der Marienbauverein aufbrachte. Diese Summe entsprach dem mehr als zweifachen Monatsverdienst eines Webers im Rheinland. Da er in Windberg auch die Lourdes-Muttergottes schuf, darf man annehmen, dass auf ihn mindestens die Figuren Mariens und Bernadettes zurückgehen. Die Materialien für den Grottenbau lieferte die Firma Elber und Herx aus Mönchengladbach.

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